„Seize the means of of production“ … für den Profit!
Es wird jetzt auch endlich einmal Zeit.
Als renommiertestes Spieletest-Medium der Hamburger Peripherie können wir selbstredend nicht umhin, um das bei Board Game Geek seit Jahren auf Platz 1 stehende Brass: Birmingham eingehend zu testen.
Die Brass Saga begann 2007 mit der visuell spröden Brass Erstauflage. Im Deutschen Vertrieb erschien es 2008 unter dem (cringe-Alarm) Namen „Kohle: Mit Volldampf zum Reichtum“. Chleudert den Marketing Purschen zu Poden. Das Spiel hatte trotz dessen eine sehr engagierte Spielerschaft und so war es nur folgerichtig, dass Anno 2017 in einer überaus erfolgreichen Kick-Starter Kampagne nicht nur eine Neuauflage sondern auch gleich den Nachfolger feil geboten wurde. Das ursprüngliche Spiel firmiert seitdem unter Brass: Lancashire und Teil 2 sei genannt Brass: Birmingham.
Das Spiel begleitet die furiose technische und gesellschaftliche Transformation der Industriellen Revolution von 1770 bis 1870, deren Auswirkungen bis heute Nachhallen.
„…Down on the borders they are felling trees – good trees. Some of the trees they just cut down and leave to rot – orc-mischief that; but most are hewn up and carried off to feed the fires of Orthanc. There is always a smoke rising from Isengard these days…“ J.R.R. Tolkien The Lord of the Rings
Die Immersion des Spiels ist wunderbar gelungen. Artwork und Spieler-Charaktere passen hervorragend in die Zeit. Wer es noch düsterer haben möchte, der Wende gerne die Spiel-Tableaus, um die Nacht Mittelenglands zu genießen. Selbst war ich sehr angetan mir direkt den Isambard Kingdom Brunel Spielchip ergattern zu können.

Der Spiel-Flow richtet sich nach den gezogenen Karten und den Aktionen der werten Mitspieler-Schaft. Dabei steht man selbst über das ganze Spiel hinweg im Wechselbad der Gefühle, entweder „wow gleich mache ich DEN mega Zug“ oder „heilige Mutter der Dampfmaschine – hoffentlich kommt mir keiner der anderen Bagaluten in die Quere“. Alle Entscheidungen haben Bedeutung, Leerlauf hatte ich persönlich nicht empfunden.
„Eine Eisenbahn besteht zu 95% aus Menschen und zu 5% aus Eisen.“ – Adam Smith (das Civilization 4 Zitat bei der Erforschung von Eisenbahnen)
Dieser menschliche Part wird durch die im ursprünglichen Brass: Lancashire noch nicht vorhandenen Ressource Bier Rechnung getragen. Das Bier spielt dabei das stets limitierte und strategische Schmiermittel aller industriellen Anstrengungen.

Historisch wunderschön eingewoben ist die sprunghafte technologische Innovation, die zur Mitte des Spiels auf einmal erhebliche Teile des Boards obsolet macht. Dampfende, eiserne Schienen-Rösser verdrängen das Treideln im Kanal und die Produktionsbetriebe der ersten Stufe sind hinfort. Dadurch ändern sich nicht nur die Wege-Möglichkeiten zwischen den Ortschaften, sondern auch die Geschwindigkeit mit der die Verbindungen gelegt werden können. Gleichzeitig ist das ein eleganter Mechanismus, um die Spieler in Ihrer Entwicklung wieder aufholen zu lassen, falls jemand technologisch schon etwas entfleucht ist.

Spielmechanisch hatte mich beeindruckt, dass meine übliche Strategie mich am „Rand der Karte einzugraben“, zwar valide ist, aber dadurch auch einige Chance verwehrt blieben. Wirft man sich eher in das Getümmel sind Profit und Risiko jeweils deutlich höher. Schon allein deshalb hätte man diese Spiel für diese Vorlage kaum besser designen können.
Unter den Kohleschwaden ist nicht alles Sonnenschein. So ist die überraschend kurze Anleitung didaktisch nicht ganz auf der Höhe und das Aufbauen etwas zeitraubend. Allerdings auch „nur“ 0,3 Gloomhaven-Einheiten. Des Weiteren sollte der oder die geneigte Industrie-MagnatIn gegenüber etwas frickeligen Auszähl-Episoden, derer es zwei gibt, aufgeschlossen sein.
„Niemals Freundschaft über Profit stellen.“ Ferengi Erwerbsregel 21
Fazit: Ist das das Beste Spiel aller Zeiten? Nein (das ist eh eine alberne Frage)
Ist das ein großartiges Spiel, dass wir unbedingt wieder spielen müssen, um auch nur ein kleinen Teil seiner Design-Eleganz ermessen zu können? JA
Stubenscore:
8 2/3 Long Tons of coal


Das Spiel ist schon gut, aber nicht DAS besondere Spiel, dass jeder haben muss. Aber man kann durchaus verstehen, warum es als Kompromiss bei BGG so hoch gewertet ist. Meine TOP 10 würden da aber anders aussehen und sich auch mal ändern.
Martin Wallace, und in der aktuellen Überarbeitung mit seinen beiden Kumpels, schaffen es mit einfachen Regeln und ja auch nur drei Ressourcen eine gewisse Komplexität zu schaffen und mit einer Spielweise „jeder für sich“ oder „ich mache da mal mit“ eine Punktejagd zu entfachen.
Der Mann mit Hut hat sich dann geschickt eine gute Ecke auf dem Spielbrett ausgesucht, was anderen Mitspielern im schummrigen Licht der Kohlefadenlampe nicht sofort ins Auge fiel. Ich bin bereit für eine nächste Runde, habe das Spiel ja auch im Schrank …